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Prof. Sebastian Ludyga

  • Niklas Bienbeck
  • vor 3 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

«Bewegung ist kognitives Training in einem anderen Kontext.»


Henriette Heinrich

Prof. Sebastian Ludyga

Professor für Sportpädagogik und Gesundheitsentwicklung, Stv. Departementsleiter DSBG, Universität Basel DKF-Forschungsgruppenleiter seit 2024


Forschungsgebiet

Forschung zu den Auswirkungen von Sport und Bewegung auf die kognitive Entwicklung und Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen.




Video-Interview




Was hat Sie persönlich zur Forschung an Bewegung und Gehirnentwicklung bei Kindern und Jugendlichen geführt?


Geprägt hat mich zunächst mein eigener Sporthintergrund. Ich habe viele Jahre Basketball gespielt und früh gemerkt, dass nicht nur körperliche Voraussetzungen über die Leistung entscheiden. In einem Spiel muss man unter Zeitdruck Entscheidungen treffen, flexibel reagieren und vorausahnen, was andere als Nächstes tun werden. Motorische und kognitive Leistungen sind dabei eng verbunden.


Später bin ich auf entwicklungspsychologische Ansätze gestossen, nach denen Kinder Wissen auch durch die Interaktion mit ihrer Umwelt erwerben. Motorische Fähigkeiten eröffnen ihnen neue Möglichkeiten, an komplexen Situationen teilzunehmen. Wer beispielsweise werfen und fangen lernt, kann später an einem Ballspiel teilnehmen, in dem zugleich Aufmerksamkeit, Antizipation und Entscheidungsfähigkeit gefragt sind.


Warum können koordinativ anspruchsvolle Sportarten für die kognitive Entwicklung besonders interessant sein?


Bewegung wirkt nicht automatisch positiv auf die Kognition. Entscheidend ist, wie eine Aktivität gestaltet ist und welche Anforderungen sie stellt. Besonders interessant sind Bewegungsformen, bei denen komplexe motorische Abläufe mit kognitiven Aufgaben verbunden werden.


Das gilt etwa für Judo und andere Kampfsportarten, aber auch für viele Ballsportarten. Die Teilnehmenden müssen fortlaufend wahrnehmen, was um sie herum geschieht, ihre Handlungen anpassen und auf neue Situationen reagieren. Bei Mannschaftssportarten kommt die Koordination mit anderen Personen hinzu.


Je anspruchsvoller und unvorhersehbarer eine Bewegungssituation ist, desto stärker werden Aufmerksamkeit, Entscheidungsfindung und flexibles Verhalten gefordert. In diesem Sinne ist Bewegung auch eine Form des kognitiven Trainings.


Was können kurze Bewegungspausen im Schulalltag für die Konzentration und das soziale Miteinander leisten?


Wir unterscheiden zwischen den unmittelbaren Effekten einer einzelnen Bewegungseinheit und den langfristigen Effekten regelmässigen Trainings. Auch kurze Bewegungspausen können im Schulalltag eine wichtige Funktion übernehmen.


Im Verlauf eines Schultages lässt die Konzentrationsfähigkeit häufig nach. Eine gezielt gestaltete Bewegungspause kann helfen, kognitive Ressourcen wiederherzustellen und die Schülerinnen und Schüler erneut auf den Unterricht einzustimmen.


Je nach Gestaltung können solche Einheiten nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Emotionsregulation beeinflussen. Das kann sich auf die Lernatmosphäre und die Dynamik innerhalb einer Klasse auswirken. Eine Bewegungspause ist damit nicht nur eine Unterbrechung, sondern kann die Voraussetzungen für das weitere Lernen verbessern.


Was braucht es, damit Bewegungsangebote Kinder tatsächlich erreichen?


Kinder können oft nicht vollständig selbst bestimmen, welchen sportlichen Aktivitäten sie nachgehen. Ihr Bewegungsverhalten hängt stark von Strukturen wie Schule oder Klinik ab.


Deshalb müssen wir untersuchen, wie Bewegung in bestehende Abläufe integriert werden kann. Zunächst braucht es überzeugende Evidenz dafür, dass Bewegung kognitive Leistungen und das psychische Wohlbefinden positiv beeinflussen kann. Diese Erkenntnisse müssen anschliessend auch Schulen, Kliniken und politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger erreichen.


In der Schule könnten zusätzliche Bewegungsmöglichkeiten geschaffen werden, ohne den regulären Sportunterricht zu ersetzen. In Kliniken braucht es Programme, die auf die Bedürfnisse der jeweiligen Kinder abgestimmt sind.


Ein gewisser Rahmen muss von aussen vorgegeben werden. Entscheidend ist aber, dass die Kinder Freude an der Bewegung entwickeln. Nur dann hat ein Angebot eine realistische Chance, im Alltag anzukommen und längerfristig Wirkung zu entfalten.

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