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PD Dr. med. Henriette Heinrich

  • Niklas Bienbeck
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

«Dass Patientinnen und Patienten wieder essen können und ihre Organfunktionen behalten, ist ein roter Faden, der sich durch meine Arbeit zieht.»


Henriette Heinrich

PD Dr. med. Henriette Heinrich

Leitende Ärztin Gastroenterologie/ Hepatologie, Leiterin interventionelle Endoskopie, Clarunis, DKF-Forschungsgruppenleiterin seit 2025


Forschungsgebiet

Erforschung und Implementierung innovativer endoskopischer Verfahren für Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf organerhaltenden, minimalinvasiven Therapien bei frühen gastrointestinalen Tumoren.




Video-Interview




Was fasziniert Sie persönlich an der interventionellen Endoskopie?


Das hat sehr früh angefangen. Als Unterassistentin liess mich ein Oberarzt bei einer Darmspiegelung eine Biopsiezange bedienen. Das hat mich wahnsinnig fasziniert: Man geht mit dem Endoskop in den Körper hinein, sieht die Schleimhaut von Kolon oder Magen direkt, kann mit dem Auge diagnostizieren – und gleichzeitig etwas tun.


Der Moment, in dem ich wusste, dass ich das machen will, kam später in der Funktionsdiagnostik. Dort habe ich mich viel mit Schluckstörungen beschäftigt, also mit Menschen, die nicht mehr essen konnten. Als 2013 die perorale endoskopische Myotomie, kurz POEM, in die Endoskopie kam, war das unglaublich elegant: ohne Operation von aussen, und die Patientinnen und Patienten konnten wieder essen. Dieser Nutzen zieht sich bis heute als roter Faden durch meine Arbeit.

 


Was bedeutet organerhaltende Behandlung konkret für Patientinnen und Patienten?


Beim Organerhalt geht es zunächst darum, eine Läsion sehr genau einzuschätzen: Ist das ein früher Krebs? Wie tief geht der Tumor? Welche Risikofaktoren gibt es? Wenn ein Tumor früh erkannt wird, kann man heute in vielen Fällen vermeiden, das ganze Organ zu entfernen. Stattdessen wird der Tumor in geeigneten Fällen in einem Stück, also en bloc, reseziert.


Besonders schwierig sind Grenzfälle: Der Tumor ist entfernt, aber es bleibt vielleicht ein Risiko von fünf bis zehn Prozent für spätere Lymphknotenmetastasen. Dann stellt sich die Frage: Mache ich eine Operation, um ein zukünftiges Risiko zu behandeln – ja oder nein? Genau an dieser Schnittstelle zwischen Risiko, Lebensqualität und individueller Entscheidung spielt sich ein grosser Teil meiner Forschung ab.


 

Welches Forschungsprojekt beschäftigt Sie aktuell besonders – und welche klinische Frage steht dabei im Zentrum?


Im Moment beschäftigt mich besonders ein Horizon-gefördertes Projekt aus Norwegen zur endoskopischen Behandlung kolorektaler Frühkarzinome, also T1-Karzinome. Dabei soll geklärt werden, welche Risikofaktoren entscheidend sind: Wann kann man einen Tumor endoskopisch entfernen – und wann braucht es doch Chirurgie oder eine weitergehende Therapie?


Spannend ist daran, dass das Projekt auch ein Paradigma verändern soll. Viele Patientinnen und Patienten, aber auch viele Ärztinnen und Ärzte denken: Sobald es ein Karzinom ist, muss der Chirurg ran. Bei frühen Karzinomen ist das aber oft nicht mehr der Fall. Entscheidend sind eine gute Entfernung, eine genaue pathologische Beurteilung und dann eine sehr individualisierte Therapieentscheidung.


In der Schweiz sind wir gerade im Ethikprozess und wollen danach weitere Zentren einbeziehen. Ich bin zudem an der Dissemination beteiligt. Dabei geht es auch darum, ein hochkomplexes Thema einfach zu erklären – gerade für Ärztinnen und Ärzte, die nicht täglich damit zu tun haben.



Wo können KI und Simulation die Endoskopie in den nächsten Jahren am stärksten verändern?


Ich glaube, KI wird uns nicht mehr verlassen. Sie wird uns begleiten und wahrscheinlich zu besseren Diagnostikerinnen und Diagnostikern machen. Sie kann wie ein Guide sein: Wo sind Polypen? Was sind das für Polypen? Gibt es eine Barrett-Mukosa, die sich in Richtung Karzinom verändert? Solche Systeme werden uns helfen, unsere Fähigkeiten zu erweitern.


Simulation sehe ich besonders in der Ausbildung komplexer Eingriffe. Wir haben nicht immer genug reale Fälle, um alles zu trainieren. Simulation und robotische Trainingssysteme können helfen, Fähigkeiten aufzubauen und zu erhalten. Endoskopie bleibt trotz aller Technologie ein Handwerk – und ein Handwerk muss trainiert werden.


In unserer Abteilung nutzen wir dafür unter anderem Trainingsmöglichkeiten für die endoskopische Submukosadissektion, kurz ESD. So können wir komplexe Läsionen und schwierige anatomische Positionen üben, um Patientinnen und Patienten organerhaltende Eingriffe sicher anbieten zu können.

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