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Wertvolle Zeit und Raum für Patientenorientierte Forschung

  • Marilena Mattarelli
  • vor 15 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Dank des MD-PhD-Stipendiums der SAMW kann sich Simon Trüssel intensiv seiner Forschung zur personalisierten Schlaganfallrehabilitation widmen und zu einer verbesserten Patientenversorgung beitragen.



Was hat Ihr Interesse an der klinischen Forschung geweckt, und warum haben Sie sich gerade für die Neurologie entschieden?


Für die Neurologie entschied ich mich, weil mich dieses Fach schon im Studium am meisten faszinierte. Besonders beeindruckt mich, wie anatomische und physiologische Kenntnisse zusammen mit der klinischen Untersuchung eine Diagnose oft stark eingrenzen können. Gleichzeitig gibt es noch viele offene Fragen, insbesondere zur Erholung nach Schlaganfall. Mein Interesse an der klinischen Forschung entstand während meines Bachelorstudiums an der ETH Zürich, das stark forschungsorientiert war. Im Rahmen eines Pflichtpraktikums absolvierte ich ein Forschungspraktikum hier am Universitätsspital Basel in der Neurologie. Dort wurde mir klar, dass ich mir die kindliche Neugier der «Warum-Phase» bewahrt habe: Warum verlaufen Krankheiten unterschiedlich, warum sprechen Patientinnen und Patienten verschieden auf Therapien an? Und wie kann Forschung konkret dazu beitragen, Behandlungen weiterzuentwickeln?



Simon Trüssel
Simon Trüssel, MD-PhD Clinical Research Student in der DKF-Forschungsgruppe von Prof. Stefan Engelter

Simon Trüssel wurde am 26.01.1996 in Basel geboren und absolvierte sein Medizinstudium an der ETH Zürich sowie an der Universität Basel, wo er 2024 das eidgenössische Arztdiplom erwarb. Zuvor schloss er an der Universität Basel ein Bachelorstudium in Sportwissenschaften und Biologie ab. Sein wissenschaftliches Interesse fokussiert sich auf die klinische Schlaganfallforschung, insbesondere auf personalisierte Ansätze zur Verbesserung der Erholung nach Schlaganfall, Neurorehabilitation sowie diagnostische und prognostische Biomarker. Simon ist seit Januar 2025 MD-PhD Student im Promotionsfach Clinical Research am Departement Neurologie des Universitätsspitals Basel und Mitglied der DKF-Forschungsgruppe von Prof. Dr. med. Stefan Engelter mit dem Thema «Personalized Enhancement in Stroke Recovery». Für sein MD-PhD-Projekt erhielt Simon 2026 eine Förderung der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften im Rahmen des National MD-PhD Fellowships Program. Darüber hinaus wurde ein weiteres Projekt «Personalised Dopamine Therapy to Enhance Stroke Recovery: An Individual Participant-Level Meta-Analysis» 2025 durch die «Nora van Meeuwen-Haefliger Stiftung» unterstützt. Seine wissenschaftliche Arbeit wurde 2026 am Clinical Research Day Basel mit dem dritten Platz des «Best Poster Award» ausgezeichnet. Zudem stellte er am European Stroke Organisation Congress 2026 in Maastricht die Arbeit «Levodopa and Long-Term Stroke Recovery: 12-Month Follow-up of the ESTREL Randomized Clinical Trial» in einem mündlichen Kongressbeitrag vor.


Sie haben dieses Jahr ein MD-PhD-Stipendium der SAMW für Ihre Dissertation «Personalised Enhancement of Stroke Recovery» erhalten. Was bedeutet das Stipendium für Sie persönlich und für Ihren Weg als klinischer Forscher?  


Das MD-PhD-Stipendium der SAMW bedeutet mir persönlich sehr viel. Zunächst einmal empfinde ich grosse Freude – und auch eine gewisse Erleichterung, dass nicht nur meine Betreuer und ich mein Projekt spannend finden. Es ist eine grosse Anerkennung meiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeit und ein zentraler Schritt auf meinem Weg als klinischer Forscher. Es gibt mir die Zeit und den Raum, komplexe Fragestellungen methodisch sauber und vertieft zu untersuchen, konkrete Verbesserungen für die Patientenversorgung abzuleiten und die Grundlage für eine langfristige akademische-klinische Laufbahn in der Neurologie zu schaffen.


Welche wissenschaftliche Lücke adressieren Sie in der Dissertation?


Die zentrale wissenschaftliche Lücke ist aus meiner Sicht die fehlende Personalisierung in der Schlaganfallrehabilitation. In vielen Studien werden Schlaganfallpatientinnen und -patienten als eine homogene Gruppe betrachtet. Dadurch gehen individuelle Unterschiede im Erholungsverlauf oder im Therapieansprechen teilweise verloren. Genau hier setzt meine Dissertation an: Ich möchte besser verstehen, welche Faktoren die Erholung nach einem Schlaganfall beeinflussen und wie sich daraus gezieltere, individuellere Therapieansätze ableiten lassen. Langfristig geht es darum, Rehabilitation nicht nur an Diagnose und Schweregrad auszurichten, sondern stärker am individuellen Erholungspotenzial und an den biologischen und klinischen Merkmalen der einzelnen Patientin oder des einzelnen Patienten.


ESTREL hat gezeigt, dass ein vielversprechender pharmakologischer Ansatz in einer grossen pragmatischen Studie keinen motorischen Zusatznutzen brachte. Was bedeutet ein solches Ergebnis für die Weiterentwicklung personalisierter Rehabilitationsstrategien?


Für mich unterstreicht das vor allem eines: In der Neurorehabilitation reicht ein «one-size-fits-all»-Ansatz wahrscheinlich nicht aus. Patientinnen und Patienten nach einem Schlaganfall unterscheiden sich stark – etwa in Bezug auf Läsionsort, Schweregrad, Erholungspotenzial, Begleiterkrankungen und vermutlich auch in ihrer biologischen Antwort auf eine Intervention. Deshalb müssen wir besser verstehen, welche Patientengruppen von welchem Ansatz profitieren könnten und welche Faktoren das Therapieansprechen beeinflussen.

 

Gerade deshalb ist ESTREL trotz des neutralen primären Ergebnisses enorm wertvoll. Die Studie liefert einen grossen und gut charakterisierten Datensatz, mit welchen wir untersuchen können, welche klinischen Merkmale, Biomarker oder Erholungsverläufe das Therapieansprechen beeinflussen. ESTREL ist damit nicht einfach eine Studie mit neutralem Ergebnis, sondern ein wichtiger Schritt hin zu präziseren und personalisierten Strategien in der Schlaganfallrehabilitation.

 

Wo sehen Sie Ihr Forschungsfeld in zehn Jahren?


In zehn Jahren hoffe ich auf eine deutlich personalisiertere Schlaganfallrehabilitation, die auf einem besseren Verständnis der biologischen Erholungsprozesse beruht. Methoden wie Proteomics oder andere molekulare Hochdurchsatzverfahren könnten helfen, neue therapeutische Ansatzpunkte zu finden. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die Rehabilitation insgesamt mehr Aufmerksamkeit erhält und sich im klinischen Alltag in individuelleren Therapieplänen, gezielteren Zusatzbehandlungen und einer realistischeren Beratung von Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen widerspiegeln.

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