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Gemeinschaftlich getragene Gesundheitsversorgung

  • Marilena Mattarelli
  • 14. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Seine Forschungsarbeit in Lesotho hat Felix Gerber, MD-PhD vor Augen geführt, dass Gesundheitssysteme auch grundlegend anders gedacht werden können.



Wie hat Ihr Weg Sie in das MD-PhD Studium Clinical Research an der Universität Basel geführt?


Bereits zu Beginn meines Medizinstudiums hatte ich ein Interesse an Forschung, zunächst vor allem im biomedizinischen Bereich. Im Verlauf des Studiums begannen mich jedoch klinische Fragestellungen und Themen im Bereich Global Health zunehmend zu interessieren. Da diese im Studium nur begrenzt vermittelt werden, entschied ich mich, meine Masterarbeit am Swiss Tropical and Public Health Institute zu absolvieren, um einen vertieften Einblick zu erhalten. In diesem Rahmen verbrachte ich sechs Monate in Westafrika, wo ich an einem Forschungsprojekt zur Tollwut-Epidemiologie arbeitete. Diese Zeit hat mein Interesse an Global Health und an der praktischen Umsetzung von Forschungsprojekten weiter verstärkt. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich mich langfristig eher in der klinischen als in der primär epidemiologischen Forschung sehe. Nach dem Studium habe ich gezielt nach einer Forschungsgruppe mit diesem Schwerpunkt gesucht und gemeinsam ein MD-PhD-Projekt erarbeitet. Mit der Zusage für den MD-PhD-Grant war die Entscheidung für diesen Weg klar – andernfalls hätte ich eine klinische Tätigkeit in der Schweiz aufgenommen.


Felix Gerber
Felix Gerber, MD-PhD, Mitglied der DKF-Forschungsgruppe Niklaus Labhardt

Felix Gerber, MD-PhD stammt aus Binningen und absolvierte sein Medizinstudium an der Universität Basel, das er durch Austauschsemester in Leuven (Belgien) und Lausanne ergänzte. Erste Forschungserfahrungen sammelte er im Rahmen der Feldarbeit für seine Masterarbeit in Côte d’Ivoire und Mali sowie während des MD-PhD-Programms in Lesotho. Sein wissenschaftliches Interesse liegt in klinischer Forschung, Community Health, HIV/Tuberkulose und nichtübertragbaren Krankheiten. Für seine akademischen Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Preis für die beste Masterarbeit der Medizinischen Fakultät der Universität Basel (2020), dem Karger Award für die beste Masterarbeitspräsentation (2019) und der Auszeichnung für die beste mündliche Präsentation am DKF Clinical Research Day 2026. Kürzlich publizierte er als Erstautor die Resultate einer Substudie der ComBaCaL-Kohorte zur Hypertonie-Behandlung durch Community Health Workers in «Nature Medicine». 2021 wurde er in das nationale Schweizer MD-PhD-Stipendienprogramm der SAMW aufgenommen. Sein MD-PhD-Studium in Clinical Research schloss er im Juli 2025 ab. Felix Gerber ist Mitglied der DKF-Forschungsgruppe von Niklaus Labhardt und seit August 2025 als Assistenzarzt in der Inneren Medizin am Kantonsspital Aarau tätig.


Ihre bisherigen Forschungsprojekte waren hauptsächlich im ländlichen Lesotho angesiedelt. Welche Herausforderungen prägten die Arbeit in diesem Versorgungskontext?


Die Arbeit in ländlichen Regionen Lesothos ist von grundlegenden strukturellen Herausforderungen geprägt: grosse Distanzen zu Gesundheitseinrichtungen, limitierte personelle und infrastrukturelle Ressourcen sowie eine hohe Krankheitslast bei gleichzeitig eingeschränktem Zugang zur Versorgung. Eine zentrale Schwierigkeit besteht in der Diskrepanz zwischen bestehenden medizinischen Leitlinien und deren praktischer Umsetzbarkeit im Alltag. Viele evidenzbasierte Interventionen setzen Ressourcen voraus, die in solchen Kontexten nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind. Entsprechend braucht es kontextspezifische Forschung, die lokale Gegebenheiten gezielt berücksichtigt.


Die Umsetzung von Forschungsprojekten ist dabei auch eine logistische Herausforderung. In unseren Studien haben wir über 16’000 Personen in mehr als 100 teils sehr abgelegenen Dörfern eingeschlossen. Die Qualität von Interventionen und Datenerhebung unter diesen Bedingungen sicherzustellen, ist entsprechend aufwendig. Neben der Bewältigung logistischer Anforderungen ist es ebenso zentral, kulturelle und soziale Kontexte zu verstehen und in die Projektumsetzung einzubeziehen. Entscheidend ist zudem die enge Abstimmung mit lokalen und nationalen Behörden, Gesundheitsversorgern, Partnerorganisationen und der Bevölkerung, um tragfähige und nachhaltige Ergebnisse zu erzielen.



Im Forschungsprogramm ComBaCal – Community-based Chronic Care Lesotho spielt der Gemeinschaftsgedanke eine zentrale Rolle. Wie haben die Erfahrungen, die Sie dabei gesammelt haben, Ihren Blick auf Forschung und Gesundheitsversorgung verändert?


In Lesotho ist die Ärztedichte pro 1000 Einwohner etwa zwanzigmal niedriger als in der Schweiz. Unter diesen Bedingungen bleibt kaum Raum für die Spezialisierung, die wir aus unserem Gesundheitssystem kennen. Stattdessen rücken Public-Health-Fragestellungen in den Vordergrund – insbesondere die Frage, wie der Zugang zu effektiver Primärversorgung verbessert werden kann. In diesem Kontext übernehmen, wie in vielen Ländern mit begrenzten Ressourcen, geschulte Community Health Workers zentrale Aufgaben in der Versorgung. Sie spielen eine Schlüsselrolle als Bindeglied zwischen Bevölkerung und Gesundheitssystem.


Unsere Studien zeigen, dass mit entsprechender Ausbildung, Supervision und technologischer Unterstützung auch komplexere Aufgaben – wie das Management chronischer Erkrankungen – dezentral durch Community Health Workers übernommen werden können und dabei signifikant bessere Gesundheitsoutcomes erreicht werden. Voraussetzung dafür ist jedoch ein hohes Vertrauen der Bevölkerung in dieses System und die involvierten Personen. Ein solcher Ansatz wäre im aktuellen Schweizer Kontext nicht denkbar. Dies zeigt, dass Gesundheitssysteme auch grundlegend anders gedacht werden können, als wir es aus der Schweiz gewohnt sind. Rollen und Verantwortlichkeiten – etwa von Hausärztinnen und -ärzten, Spezialisten, Pflegefachpersonen, Apothekerinnen und Apothekern oder auch Angehörigen – sind nicht statisch, sondern kontextabhängig gestaltbar. Gleichzeitig wird deutlich, wie komplex und ressourcenintensiv der Aufbau und Erhalt eines hochspezialisierten Gesundheitssystems wie dem der Schweiz ist.



Foto: © Felix Gerber. Felix Gerber mit Forschungskollege Mota Mota unterwegs zu einem der abgelegenen Studiendörfer in den Bergen Lesothos. Lokale Hirten erklären den Weg, wo das Navigationsgerät nicht mehr weiterhilft.
Foto: © Felix Gerber. Felix Gerber mit Forschungskollege Mota Mota unterwegs zu einem der abgelegenen Studiendörfer in den Bergen Lesothos. Lokale Hirten erklären den Weg, wo das Navigationsgerät nicht mehr weiterhilft.

Fotos: © SolidarMed/Meri Hyöky, The Hub. Im Rahmen des ComBaCal-Forschungsprogramms in Lesotho besuchen Community Health Workers Bluthochdruck- und Diabetes-Patient:innen in ländlichen Regionen. Die speziell geschulten Laienhelfer:innen übernehmen medizinische Aufgaben und stellen die medizinische Versorgung in abgelegenen Gebieten Lesothos sicher. Eine Tablet-basierte klinische Entscheidungs-App unterstützt sie bei der Behandlung.

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